Amor
Der Bardino-Mix Amor kommt ursprünglich von der
Insel Teneriffa und wurde schon als Welpe nach Deutschland
vermittelt - doch dann wurde er zum Umzugsopfer und suchte wieder dringend
eine neue Familie.
Als Amor zu uns kam, war er ungefähr fünfzehn
Monate alt. Genauso lange lebt er jetzt bei uns und das ist die längste
Zeit, die er bei demselben Menschen verbracht hat.
Bis zu seiner Ankunft teilten wir unseren
Minibauernhof mit Berner-Sennen-Mix-Hündin Lea, Hühnern, Gänsen,
Katzen und Pferden.
Irgendwann beschlossen wir, einem zweiten Hund ein
neues Zuhause zu geben und ich begab mich auf die Suche. Da die
Vermittlung in den umliegenden Tierheimen nur als katastrophal zu
bezeichnen war, versuchte ich mein Glück im Internet. Über Umwege
gelangte ich auf die Seite der Inselhunde und entdeckte Amor. Seine
Augen faszinierten mich auf Anhieb. Da Größe und Gewicht unseren
Vorstellungen entsprachen, gab es kein Halten mehr.
Wie erstaunt war ich,
dass ich auf meine Anfrage sofort eine Antwort erhielt. Drei
Tage später besuchten uns Margit Jasaraj und ihr Mann Uli, mit
denen wir ein sehr nettes, ausführliches Gespräch führten.
Offenbar gefiel ihnen unser Heim, denn schon drei weitere Tage später
konnten wir Amor abholen.
Das nenne ich eine erfolgreiche Vermittlung!

Bei unserer Ankunft stellten wir fest, dass Amors
Gewicht vom Vorbesitzer um etwa zehn Kilo mehr angegeben worden war.
Eigentlich wollten wir ja einen großen, kräftigen Hund, aber
anscheinend sollte es nur ein großer sein, denn Amor war spindeldürr.
Neben dem Bardino hatte vermutlich ein Podenco mitgespielt. Ihn
dazulassen, kam aber auf keinen Fall in Frage, denn er hatte uns mit
seinem Charme bereits völlig eingewickelt.
Leas Verwirrung über den neuen Hausgenossen
dauerte nur einen kurzen Moment. Seitdem ist ihre Liebe zueinander
ungebrochen.

Amor lebte sich unglaublich schnell ein und
offenbarte schnell einige unschöne Angewohnheiten. Die Liste seiner
„Taten“ wurde täglich länger. Von „Sitz“ und „Platz“
hatte er wohl mal etwas gehört, aber mehr auch nicht. Wie eine
Gemse kletterte er auf den Tisch und die Küchenzeile und bediente
sich an allem Essbaren. Er verschlang sogar ein ganzes Brot,
zerlegte Schuhe, Jacken und Decken in ihre Einzelteile und fraß sie
auf.
Leinenführigkeit hat er trotz täglicher Übung
bis heute nicht gelernt, was die Spaziergänge recht beschwerlich
macht. Doch das Schlimmste war und ist sein völlig ungezügelter
Jagdtrieb. Er tötet alles, was ihm vor die Nase kommt und ist dabei
blitzschnell. Er fängt Mäuse im Vorübergehen, packt Vögel aus
der Luft, zerbeißt Igel und nur meinem beherzten Eingreifen ist es
zu verdanken, dass nicht schon zwei unserer Gänse ihr Leben lassen
mussten. Außerdem hetzte er mit Begeisterung unsere Pferde und
dabei wurde mir oft Angst und Bange. Sowohl um die Pferde als auch
um ihn, wenn er unter ihren wirbelnden Hufen wegtauchte. Uns war
schnell klar, so ging es nicht weiter.

Ich meldete mich in einer Hundeschule an, die wir
regelmäßig besuchten. Amor hatte jede Menge Spaß mit den anderen
Hunden, aber die Unterordnung war ihm viel zu langweilig.
Dementsprechend arbeitete er mit, nämlich höchstens vier Minuten.
Kein noch so feines Leckerli konnte ihn zum Weitermachen überreden.
Ich war dem Verzweifeln nah, bis wir etwas fanden, das ihn länger
beschäftigte - Fährtenarbeit und Clickertraining.
Absolute Konsequenz und üben, üben, üben
zeigten nach endlosen Monaten erste Erfolge. Die Pferde konnten
wieder in Ruhe ihre Kreise auf der Weide ziehen und unsere Kleidung
blieb ebenfalls am Leben. Er begann mehr auf uns zu achten und
reagierte viel besser auf die Grundkommandos. Seit kurzem können
wir ihn auf offenem Gelände frei laufen lassen. Ein ungeheurer
Fortschritt. Trotzdem ist höchste Aufmerksamkeit geboten, damit er
innerhalb eines engen Radius bleibt. Überschreitet er eine
bestimmte Grenze, sieht man nur noch die verschwommen Umrisse seines
gestreiften Fells, so schnell ist er weg.

Hätte Amor nicht noch eine andere, überaus
liebenswerte Seite, er wäre schwer zu ertragen.
Doch bei seinem
anderen Ich ist der Name Programm. Menschen liebt er über alles und
Artgenossen begegnet er freundlich. In seiner überschwänglichen
Art ist er manchmal ein wenig fordernd und aufdringlich, akzeptiert
aber auch ohne Murren eine Abfuhr. Er ist zärtlich und verschmust
und wenn er mich aus seinen bernsteinfarbenen Augen unschuldig
ansieht, vergesse ich jede Schandtat und schmelze wie Butter in der
Sonne.

Neugierig steckt er überall seine Nase hinein und
ist für jeden Spaß zu haben. Ein richtiger Clown, der uns oft zum
Lachen bringt. Nach einem ereignisreichen Tag muckelt er sich
zufrieden auf seiner Couch ein und klopft mit der Rute den Staub aus
dem Polster, sobald man ihn ansieht. Amor ist kein einfacher Hund;
keiner, der so in der Familie mitläuft. Er braucht eine Aufgabe;
körperliche und geistige Anforderungen, damit er ausgelastet
ist. Außerdem benötigt er eine ganz klare Linie. Zum Glück kann
er auf unserem eingezäunten Grundstück frei herumtollen. Wenn er
seinem Windhunderbe freien Lauf lässt und in gestrecktem Galopp über
die Weide rennt, geht mir das Herz auf. Hechelnd und glücklich
kommt er danach zu uns zurück und ich weiß, dass wir es richtig
gemacht haben.

Denn trotz aller Schwierigkeiten (oder gerade
deswegen?), lieben wir ihn sehr. Er lernt von uns und wir von ihm
und niemals würden wir ihn mehr hergeben.
Unser Geflügel haben wir übrigens inzwischen
durch einen Elektrozaun gesichert, denn nicht nur Amor hat ein Recht
auf ein glückliches Leben.
Marion Pletzer
E-Mail: m.pletzer@t-online.de
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